Informelle Arbeit

Karl Stachelscheid verkörpert das typische Schicksal einer Generation, die 1945 zur Kenntnis nehmen musste, dass das, was für sie Kunst gewesen ist, zunehmend als überholt betrachtet wurde und das, was als aktuelle Kunst betrachtet wurde, für sie nicht akzeptabel war.

Aus dieser Zwickmühle entkam Karl Stachelscheid dadurch,  dass er sich der formalen Strömungen der Nachkriegszeit bediente, und daraus einen weitgespannten Stilpluralismus entwickelte, der zur Amalgamierung von Impressionismus, Expressionismus und abstraktem Expressionismus führte. Auf diesem Weg entstand eine an Verzweigungen und Verschmelzungen reiche Malerei, die unterschwellig alle Stile ohne Bevormundung wirksam bleiben lässt. In einem umfangreichen Werk meistert er den Spagat zwischen verkäuflicher und experimenteller Kunst und verbindet wechselnde Einflüsse zu einem persönlichen Stil, der nicht ausreichend damit beschrieben ist, dass man ihn mehr dem Expressionismus oder einem dynamischen Impressionismus zuordnet. Eine angemessene Verortung findet sich in einer Synthese von spätimpressionistischen Idylle mit kritisch-expressivem Ausdrucksverlangen.  Er zieht uns hinein in eine vieldeutige Welt und wer mag, kann in seinem Werk bereits Zeichen der sich ankündigenden Postmoderne erkennen.  Seine Bilder erzählen von Zeiten des Umbruchs, der Auflösung von Gewissheiten. Die Infragestellung der Wirklichkeit, die Vergänglichkeit des Anschaulichen werden als verstörende Erfahrung verarbeitet.

Da Bilderwelten in ästhetische Form gebrachte Ausweise eines Individuums sind und dessen Weltsicht und Lebensweise verkörpern, lassen sich daraus eigenständige Auseinandersetzungen mit dem Zeitgeist ableiten. Man spürt das Bedürfnis, eines traditionell geprägten Malers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, seine Befindlichkeit in kraftvollem Gestus expressiv heraus zu schleudern. Man spürt das Streben nach subjektiver Freiheit, den Willen zur Phantasie. Man spürt den Willen ästhetische Barrieren einzureißen. Man spürt das Bemühen um autonome Sprache, die das zum Ausdruck bringen soll, was sonst unentdeckt bliebe. Seine Kunst ist getragen von dem Wunsch, eigene Gesetze in der Kunst aufzurichten und etwas in der Kunst gesehenes, dem Leben mit Hilfe der Malerei abzuringen.

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